Mittel-de Gesamt Regionen Orte und Umgebung Routen

Mitteldeutschland Gesamt - Profil/Identität I

Mitteldeutschland - was ist das?

Mitteldeutschland ist ein wirtschaftlich und kulturell bedeutender sowie touristisch interessanter Teil Europas. Er liegt verkehrsgünstig zwischen Nord und Süd, Ost und West - eben in der Mitte. Doch welche Gebiete gehören dazu? Was sind seine Grenzen? Diese Fragen lassen sich nicht abschließend und eindeutig beantworten. Vermutlich wächst aus dieser teilweisen Unbestimmtheit ein wesentlicher Teil seiner Faszination und seines Mobilisierungspotenzials über viele historische Epochen hinweg.


Thesen zur Bedeutung des Begriffes "Mitteldeutschland"

1. Das Web-Angebot „Mittel-de.de“ stellt sich konzeptionell-inhaltlich auf den Boden der einschlägigen, aber nicht allein möglichen Position, dass die Städte Leipzig und Halle das Zentrum von Mitteldeutschland darstellen.

2. In seiner engsten Bedeutung bezeichnet Mitteldeutschland damit heute den unmittelbaren wirtschaftlichen Ballungsraum Leipzig-Halle, bestehend aus sächsischen und sachsen-anhaltischen Gebieten, begrenzt etwa im Norden durch Bitterfeld - Wolfen, im Westen durch Merseburg-Weißenfels, im Süden durch Borna und im Osten durch Eilenburg-Wurzen.

3. In einer mittleren Bedeutung gehören zu Mitteldeutschland heute in etwa die Regierungsbezirke Leipzig (Sachsen), Halle und Dessau (Sachsen-Anhalt) sowie ostthüringische Gebiete um Altenburg/Gera und Jena. Dies ist eine Betrachtungsweise, die mehr oder weniger deckungsgleich auch von wichtigen regionalen Akteuren - so dem Verein zur Förderung des Regionenmarketings für Mitteldeutschland - vertreten wird (Slogan „mitte l deutschland. Leipzig, Halle, Jena, Dessau").

3a. Aus Thüringer Sicht wird auch Thüringen als "Mitte" Deutschlands bezeichnet (z. B. Slogan „Freistaat Thüringen. Deutschlands starke Mitte“). Insofern damit wenigstens implizit Thüringen als (Kern) Mitteldeutschland(s) aufgefasst wird, steht diese Betrachtungsweise im Widerspruch zu 1. und 3.

3b. Auch Akteure außerhalb der unter 3. bzw. 3a. umrissenen Gebiete beanspruchen Zugehörigkeit zur Kernbedeutung Mitteldeutschlands. Beispielsweise versteht sich Magdeburg als "aufstrebende Messe- und Kongressstadt in Mitteldeutschland" (vgl. Anzeige für die Magdeburg Marketing Kongress und Tourismus GmbH) oder Chemnitz als "Oberzentrum einer dynamischen Wirtschafts- und attraktiven Fremdenverkehrsregion in Mitteldeutschland" (vgl. Anzeige der City Management und Tourismus Chemnitz GmbH).

4. In seiner weiteren Bedeutung zählen heute zu Mitteldeutschland die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dies ist eine übliche Betrachtungsweise, die insbesondere auch durch den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) repräsentiert wird. Auch die Initiative Mitteldeutschland vom 29. August 2002 hat die Zusammenarbeit der drei Länder im Blick. Insofern sind darin die Bedeutungen 3., 3a. und 3b. integriert.

4a. Daneben waren bzw. sind auch weiteste Betrachtungsweisen möglich, die zumeist die in 4. definierte weitere Bedeutung einschließen. So wenn beispielsweise aus sprachlich-mundartlicher oder geographisch-räumlicher Sicht auch alte Bundesländer dazu gezählt werden oder wenn aus politischen Motiven die gesamte ehemalige DDR als Mitteldeutschland bezeichnet wurde. (Vgl. z. B. Web-Angebote Europe-Today, Spotlight-Germany oder Travelshop.) Diese Bedeutungen dürften aber künftig weiter verblassen.

5. Seine tiefste Begründung findet der Begriff darin, dass Mitteldeutschland über lange Zeiten hinweg geographische, wirtschaftliche und/oder kulturelle Zentrums- und Vermittlungsfunktionen ausübt(e). Dies gilt beispielsweise im naturräumlichen Profil Deutschlands zwischen Meer (Norddeutschland) und Hochgebirge (Süddeutschland). In der die frühe deutsche Geschichte kennzeichnenden West-Ost-Dimension (Elbe - Saale - Linie als Nahtstelle) oder im späteren Nord-Süd-Konflikt zwischen Preußen und Österreich bzw. den süddeutschen Staaten nahm dieser Raum psychologisch-mentale Mittlerfunktionen wahr.

6a. Die Geschichte des mitteldeutschen Raumes zeichnet sich durch eine eigentümliche Mischung zentripetaler (integrierender) und zentrifugaler (differenzierender) Tendenzen aus. Letztere kommen schon in der Frühgeschichte zum Ausdruck, als der zunächst einheitliche Siedlungsraum nach dem Sieg der Franken und Sachsen über das Thüringer Reich 531 und der etwa im 7. Jahrhundert einsetzenden Besetzung der Gebiete östlich der Saale durch Slawen dreigeteilt wurde. Später zeigen sich zentrifugale Tendenzen beispielsweise in der "Leipziger Teilung" von 1485, in der die wettinische Herrschaft in eine ernestinische und eine albertinische Linie zerfiel.

6b. Mit der Abtretung großer Gebiete Sachsens an Preußen 1815 und der daraus resultierenden Grenzziehung quer durch den Kern Mitteldeutschlands entstand eine Rivalität zwischen dem Königreich / Freistaat Sachsen (insbesondere Leipzig) und der preußischen Provinz Sachsen (insbesondere Halle). Es erwuchs die Notwendigkeit - insbesondere in der neu geschaffenen Provinz -, neue Identitäten auszuprägen. Dies erklärt, warum gerade auf provinz-sächsischer Seite die Idee Mitteldeutschland mehrfach und intensiv genutzt wurde, um unter Einschluss des nördlichen Teils um Magdeburg und Anhalts (Dessau) integrierend zu wirken. Der damit zwangsläufig verbundene Ausschluss freistaatlich-sächsischer Gebiete aus dem Konzept Mitteldeutschland wurde in Leipzig vor allem in den 1920er Jahren als große Herausforderung begriffen. Leipzig beanspruchte offensiv seine Zugehörigkeit zu Mitteldeutschland.

7. Nach dem Wegfall der Rivalität zwischen Sachsen und Preußen im mitteldeutschen Raum durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs und nach der Aufhebung der deutschen Spaltung in zwei Teilstaaten 1990 bestehen nunmehr wieder günstige Voraussetzungen, um den Begriff frei von politischen Zwängen und unabhängig von administrativen Grenzen zu nutzen. Dadurch ist er in der Gegenwart hervorragend zur bundesländerübergreifenden Regionenbildung zwischen Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geeignet.

Nächster Teil

Wettbewerb um Deutungshoheit

Um die Bedeutung des Begriffs "Mitteldeutschland" findet gegenwärtig ein "Wettlauf" statt: Zunächst können die Ebenen der wissenschaftlichen (insbesondere geschichtswissenschaftlichen) Reflexion und die der aktiven Gestaltung von Regionenmarketing bzw. regionaler Politik unterschieden werden. Auf dieser zweiten Ebene wiederum haben verschiedene Akteure diesen Begriff unterschiedlich - je nach Interessenlage - besetzt. Da Zentrums- und Randlagen unterschiedliche Wertigkeiten verkörpern, sind verschiedene Strategien festzustellen, um den Zuschnitt einer Region "Mitteldeutschland" optimal auf die jeweils eigene geographische Lage abzustimmen. Die wichtigste Auseinandersetzung scheint sich zwischen Teilen der Wirtschaft und der Landespolitik herauszukristallisieren: Erstere hat sich mit dem "Regionenmarketing für Mitteldeutschland" auf den Ballungsraum Leipzig-Halle-Jena-Dessau konzentriert, letztere versteht unter Mitteldeutschland eher die drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.


Zu den Thesen

Die nebenstehenden Thesen versuchen die verschiedenen Ebenen zu integrieren. Sie fußen auf Annalen zur Geschichte des Begriffes und der Idee "Mitteldeutschland". Aufgestellt wurden sie von Tobias Liebert. Dr. Liebert ist Kommunikationswissenschaftler und -berater. Er forscht, lehrt, publiziert und praktiziert auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit / Public Relations und der sonstigen Organisations- und öffentlichen Kommunikation. Außerdem beschäftigt er sich mit Kommunikations-, Regional- und Unternehmensgeschichte sowie "Geschichtsmarketing".

Tobias Liebert

Im Anschluss an die Annalen finden Sie eine Bibliographie mit Literatur zum Thema "Mitteldeutschland". Ihre Hinweise, chronologischen Daten und bibliographischen Funde zum Thema können Sie uns gern mitteilen. Wir freuen uns auf Ihre E-Mail.

Messe Leipzig (Sachsen)


Zur geographischen Verortung von Mitteldeutschland in engerer und mittlerer Bedeutung ist beispielsweise eine Publikation von 1978 interessant, ohne dass darin allerdings der Begriff genutzt wurde. Ausgehend von den "beiden großstädtischen Ballungskernen Leipzig und Halle" wird deren Umgebung in "Ringe" unterteilt:


Zu einer "breiten, ringförmigen Zone um die Kerne" gehören:

Halle-Neustadt - Schkopau - Merseburg - Leuna (zusammen mit Halle eine Einheit bildend), Bitterfeld - Wolfen - Dessau, Borna - Altenburg und Zeitz - Hohenmölsen sowie Weißenfels.


Zur "Randzone der Ballung" zählen:

die (ehemaligen) Kreise Naumburg. Nebra, Querfurt, Köthen, Roßlau, der Süden der (ehemaligen) Kreise Delitzsch und Eilenburg, die (ehemaligen) Kreise Wurzen und Grimma sowie der Norden der (ehemaligen) Kreise Geithain und Schmölln.


Zu einem "Außenring" können gerechnet werden:

Artern und Roßleben, Sangerhausen - Eisleben - Hettstedt, Quedlinburg, Thale, Ballenstedt, Harzgerode, Aschersleben, Bernburg, Nienburg, Wittenberg - Piesteritz, Torgau, Oschatz und Döbeln. (Vgl. Ausflugsatlas Leipzig - Halle, S. 20f.)


Saale bei Weißenfels (Sachsen-Anhalt)


Domhügel Erfurt

Inhalt, Struktur, Gestaltung und Form der Web-Seite und ihrer einzelnen Teile sowie der Datenbanken
sind urheberrechtlich geschützt. Texte und Fotos, wenn nicht anders angegeben,
sowie Zusammenstellungen © 2017 Redaktion Mittel-de.de (Dr. Tobias Liebert)
Design © 2017 Sandstorm - The Ultimate Web-Publishing Team