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Von Kutschen, Autos und Spaziergängern

"Ihr seid wohl spät von Rippach aufgebrochen? Habt ihr mit Herren Hans noch erst zu Nacht gespeist?", lässt Johann Wolfgang von Goethe in seinem "Faust" sagen. Das kleine Dorf im Kreis Weißenfels wurde damit (literatur-)weltberühmt. Goethe nahm selbst mehrmals die Gastfreundschaft von "Herrn Hans" in Anspruch, auch Napoleon soll hier sein müdes Kriegerhaupt gebettet haben. Die illustre Kundschaft des Gasthofes ist so verwunderlich nicht, stand Rippach doch im Postlinienfahrplan. So manche "fahrende" oder "reitende Post" machte hier Halt. Aus Frankfurt/Main kommend, waren es bis Leipzig immerhin noch drei strapaziöse Meilen. Heute erklingt nicht mehr das gelbe Horn, auch die knallenden Peitschen der Kutscher sind verstummt. "Herr Hans" ging den Weg alles Zeitlichen, nicht aber sein Haus - es zwingt die heutige B 87 zu einer scharfen Kurve. Daran eine Steintafel mit dem Goethezitat.

Die meisten modernen Fernreisenden brausen auf der nahen Autobahn vorbei. Unmittelbar hier entstand die neue Verbindung der A 9 mit der A 38, dem künftigen südlichen Schnellstraßenring um Halle-Leipzig. Das Rippachtal gab dem Kreuz seinen Namen. "Ihr kommt erst jetzt, habt ihr bei Rippach im Stau gestanden?", muss sich nun (hoffentlich) kein "Benzinkutscher" mehr fragen lassen. Die Baumaßnahmen hier und an der langen Brücke über das Rippachtal sind abgeschlossen.

Wer auf der Autobahn vorbeifährt, sollte über die hintersinnigen Dichterworten nachdenken: "Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge". Der sie sprach, Johann Gottfried Seume (1763-1810), stammte aus dieser Gegend. Etwa 5 Kilometer von hier, im Dorf Poserna, erblickte er das Licht der Welt. Des Schriftstellers Geburtshaus befand sich dereinst dort, wo jetzt ein roter Backsteinbau mit grünen Fensterläden steht. Wenigstens erinnert eine Steintafel mit Reliefbild an den berühmten Sohn. Mit achtzehn Jahren wurde Seume von hessischen Soldatenwerbern nach Amerika verkauft. Nach seiner Befreiung studierte der Posernaer Philosophie und Jura, war Lehrer und Korrektor in Göschens berühmter Verlagsanstalt. Zwischendurch lebte er auch ´mal als russischer Offizier in Warschau. Vor allem aber wanderte Seume durch ganz Europa, seine Reisetagebücher gehören zu den besten. Am bekanntesten ist wohl der "Spaziergang nach Syrakus".


Es klapperte die Mühle am rauschenden Bach

Wie viel Kilometer sind es bis nach Sizilien? Seume soll sechs in der Stunde geschafft haben. Insgesamt war er neun Monate unterwegs. Fangen wir klein an. Poserna und Rippach liegen an einem Wasserlauf namens - Rippach. Dieses Seitental der Saale und zugleich Landschaftsschutzgebiet kann man durchwandern, aber bitte nicht in Sonntagsschuhen. Ihr relativ starkes Gefälle verleiht der Rippach Kraft, einst trieb sie deshalb mehrere Wasserräder an: Feld-, Zeisig-, Rahnismühle... Manche sind zerfallen, schade drum. Der Bach hat allerhand mitgemacht: Bereits ein Reiseführer von 1930 beklagte ihn "mit seinem schwarzen, schäumigen Wasser, das nach den Erzeugnissen der Braunkohlenindustrie ´duftet´ ". Der Landschaftspflegeplan von 1989 - noch vor der Wende - musste schließlich konstatieren: "Die Rippach sowie der Grunabach sind durch Abwässer der Braunkohlenindustrie derart verschmutzt, dass höhere Lebewesen darin nicht mehr existieren können; sie sind biologisch tot." Die Natur am Wege gibt inzwischen Anlass zur Freude. Mehrere Biotope bieten Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere, so die Salzquelle in Poserna und der Schilfteich in Göhren.

An der Mündung des Flüsschens in die Saale liegt Dehlitz. Hier kann der Wanderer in den Geschützten Park hinter dem ehemaligen Herrenhaus gehen. Er enthält viele Naturseltenheiten, so die Hängebuche mit ihren "Luftwurzeln". Oder er besucht die Wüstung Treben. Schon von weitem grüßt die übrig gebliebene Wehrkirche, klein aber trutzig. Neben dem Eingang zum Friedhof hat der hiesige Wanderverein eine Schutzhütte aufgestellt. Umliegende Wälle entstammen slawischer und germanischer Zeit.

Gedenken an Seume

Seume-Haus in Poserna


Impressionen aus Dehlitz und Treben

Saalebrücke in Dehlitz

Kirche Treben

Gräber an der Kirche Treben


Das Grab des "Antichristen"

"Die Krähen schrei´n / und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / bald wird es schnei´n.-/ wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!" Dies dichtete ein Mann, der vor allem Philosoph war. Von den einen verehrt und von den anderen verdammt: Friedrich Nietzsche. Er wurde in Röcken 1844 geboren, im Pfarrgebäude gleich an der Kirche. 1900 fand er auch seine letzte Ruhestätte hier neben dem Gotteshaus. Sein Leben war voller Genie und Tragödie. Viele pilgern an sein Grab, deshalb wurde in Röcken eine Nietzsche-Gedenkstätte eingerichtet. Die Gemeinde erreicht, wer das Rippachtal vom Dorf Rippach per Auto auf der B 87 Richtung Lützen verlässt oder von Poserna über Sössen und den Gostauer See wandert.

Nietzsche-Grab in Röcken

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