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Koloss auf dem Berg

Hoch über der Stadt thront Schloss Neu-Augustusburg, eine ehemalige Herzogsresidenz. Das Schloss gilt als dominantes Wahrzeichen der Stadt. Vom Geleitshaus in der Großen Burgstraße führt eine Treppe nach oben. Auf der Terrasse angekommen, empfängt den Besucher eine imposante Anlage in Hufeisenform - eines der größten Schlossbauten im sächsisch-thüringischen Raum.

Neu-Augustusburg wurde von 1660 bis 1694 erbaut. Der Weißenfelser Hof (bis 1746) entwickelte sich zu einem der kulturell bedeutendsten seiner Zeit. Untrennbar mit ihm verbunden sind Komponisten wie Johann Philipp Krieger und Johann Beer, aber auch Bach und Händel, Dichter wie Christian Weise und andere. Einst pflegte man die frühdeutsche Oper, und die Theaterreformatorin Caroline Neuber (1697-1760) begann hier ihre Schauspielerlaufbahn. Von der Inneneinrichtung der einst glanzvollen Residenz ist kaum etwas erhalten: Die schöne Schlosskirche mit Förnerorgel allerdings strahlt im Inneren wie ein Juwel, sie sollte sich der Besucher keinesfalls entgehen lassen. Unter dem Altarraum befindet sich die herzogliche Gruft mit 38 teilweise prunkvollen Särgen.

Ebenfalls interessant das Schlossmuseum: Sandalen, Stiefeln, Latschen... aus aller Herren Länder und Utensilien ihrer Herstellung erinnern an das einstige Profil von Weißenfels. Das einzige Schuhmuseum in den neuen Bundesländern wird ergänzt durch eine Ausstellung zur Herzogszeit und Sonderexpositionen.

Adresse: Museum im Schloss Weißenfels, Zeitzer Straße 4


Aus der Schlossgeschichte

Wo ist die einstige Pracht geblieben?

Dass die Weißenfelser Herzogsresidenz eine der prächtigsten und schönsten war, möchte man heute wohl eher bezweifeln. Es ist allerdings wahr, wie Chronisten glaubhaft versichern. So zählten der russische Zar Peter der Große und der sächsische König August der Starke zu den zufriedenen Gästen des Schlosses - und deren Ansprüche waren sicherlich die geringsten nicht. Erzherzog Karl von Osterreich (der spätere Kaiser Karl VI.) bescheinigte sogar nach einem Besuch, "dass er an keinem Hofe Deutschlands magnifiquer (herrlicher) tractieret worden" sei als hier.

Zwischen einstiger Pracht und heutiger Reparaturbedürftigkeit des Schlosses liegt eine wahre Leidensgeschichte, die so kaum eine zweite Residenz weit und breit durchmachen musste. Wenn die Steine reden könnte, würden sie wohl vor allem die Jahrhunderte währende Zweckentfremdung und Vernachlässigung beklagen.

Regen in der Gruft und Getreide vorm Altar

Aber der Reihe nach: Schon 1746, nach dem Tode des letzten Herzogs Johann Adolf II., setzte der Verfall ein. Mit den Reparaturen des nun königlich-sächsischen Schlosses kam man nicht mehr nach. So wird aus dem 18. Jahrhundert berichtet, dass der Regen durchs schadhafte Dach bis hinunter in die Fürstengruft drang! Zudem machten mehrere Militärdurchzüge Neu-Augustusburg zu schaffen. Die große Heerstraße ging ja mitten durch Weißenfels. Im Siebenjährigen Krieg 1757 spielten die Preußen bereits eine "Gast"-Rolle: Was aus dem Zeughaus des Schlosses nicht ohnehin schon fehlte, schafften sie nun beiseite. Friedrich der Große, der hier mehrere Nächte zubrachte, mag die bis dahin noch vorhandene Inneneinrichtung der Zimmer zu schätzen gewusst haben - dessen Soldaten aber nicht. Bei den Feldzügen gegen Napoleon ab 1805 kam es noch doller: Erst wurde das Schloss ein Magazin - sogar die Kirche wurde mit Getreide vollgeschüttet - dann von 1806 bis 1814 Lazarett. Der Chronist Gerhardt resümiert: "Was im Schloss noch zu ruinieren war, wurde in jener Zeit ruiniert."

Im preußischen Stechschritt durch die herzoglichen Gemächer

Nach den Befreiungskriegen stand Sachsen auf Seiten der Verlierer; durch den Wiener Kongress von 1815 kam Weißenfels an Preußen. Flaggenwechsel auf Neu-Augustusburg! Die Sieger machten aus dem Schloss eine Kaserne, benannt nach Friedrich Wilhelm. Weißenfels' Tradition als Garnisonsstadt begann, das Gemäuer beherbergte vor allem ein Infanteriebataillon, später auch die erste und zweite Schwadron des Thüringer Husarenregiments Nummer zwölf. Schließlich zog 1869 eine Unteroffiziersschule ein, die bis 1920 bestand.

Die jährliche Vereidigung der neuen Rekruten fand in der Schlosskirche statt, die allerdings 1875 wegen Baufälligkeit geschlossen werden musste. In den 90er-Jahren baute man mit Geldern des Berliner Kriegsministeriums die Kasernenräume um, damit sie künftighin besser den militärischen Ansprachen genügten. Dem damaligen Kommandeur der Unteroffiziersschule Major von Trotha ist es wohl zu verdanken, dass auch die Kapelle rekonstruiert wurde.

Polizei im Schloss

Nach dem l. Weltkrieg blieb das Schloss Kaserne, nur die Bewohner wechselten: Anstatt Militär nun Schutz- und Sicherheitspolizei. Sogar der Polizeipräsident für Merseburg, Weißenfels und Zeitz residierte hier. In den Wirren des Kapp-Putsches 1920 vertrieben Arbeiter die Polizei aus dem Schloss und hissten auf der Kuppel die rote Fahne. Später, in der Nazizeit, spielte die Schlosskaserne eine unrühmliche Rolle: Hitlergegner wurden hier in "Schutzhaft" genommen.

Das Museum zieht ein

1945 bekam das Schloss Kampfhandlungen zu spüren, als amerikanische Truppen unsere Stadt befreiten. Für den Mut einiger Weißenfelser Frauen spricht, dass diese vorher versucht hatten, die Schlossbesatzung zur kampflosen Kapitulation aufzufordern. Nach dem Krieg mussten zunächst Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten untergebracht werden. 1956 zog dann die Fachschule für Heimatmuseen ein. Bereits ein, zwei Jahre eher wurde die Schlosskapelle restauriert. Als dann noch Mitte der 60er-Jahre das Museum auf Neu-Augustusburg seine Heimstatt fand, hätte ein neues Kapitel der Schlossgeschichte beginnen können - doch den Verfall vermochte man nicht ernsthaft aufzuhalten.

Mittelflügel Schloss Neu-Augustusburg

Markt mit Schloss (um 1930)

Blick von der Leipziger Straße zum Schloss


Der schwierige Weg

Nach 1989/90 bemühten sich die Weißenfelser mehrfach, mit dem Schloss etwas Sinnvolles anzufangen. Mit dem ersten Schlossfest am 22. Juni 1991 konnte eine Tradition geboren werden, die seitdem jedes Jahr viele Besucher anzieht. Alle anderen Versuche - insbesondere die "großen Würfe" - scheiterten. Nachdem das Schloss seit September 1993 vom Bund der Stadt geschenkt wurde, entstand die Idee einer Musikakademie für Meisterschüler. 1997/98 arbeitete eine Projektgruppe an einem Konzept für eine Kunstakademie mit angeschlossenem Fünf-Sterne-Hotel. Konzerte mit Justus Frantz und seiner Philharmonie der Nationen sowie mit Lord Menuhin gaben einen Vorgeschmack auf eine visionäre Zukunft. Das ambitionierte Vorhaben wurde von vielen als unrealistisch angesehen, und die Kritiker bekamen Recht. Anfang 1998 wurde öffentlich, was unter der Decke seit längerem schwelte: Stadt und Projektentwicklungsgesellschaft beendeten ihre Zusammenarbeit. Um die am 6. Juli 1997 bereits symbolisch gegründete Herzog-August-Akademie ist es seitdem ruhig geworden.

Literaturhinweise

Zu Aufstieg und Fall des ambitionierten Schlossprojektes: - Schloss Neu-Augustusburg. Die Vision Akademie der Künste - das Erlebnis Yehudin Menuhin. In: Weißenfelser Amtsblatt. Sonderveröffentlichung zur Ausgabe vom 25. 7. 1997. - Berichterstattung der Mitteldeutschen Zeitung, Weißenfels. Insbesondere am 10. 5., 17. 6., 23. 9., 29. 11., 11. 12. 1997; 8. 1., 3. 2., 14. 2., 21. 2., 12. 5. 1998. Außerdem: Wochenspiegel. U. a. 18. 6. 1997.

Eingang zur Schlosskirche

Schlossterrasse


Wer gräbt, der findet...

Da die Stadt den östlichen Schlossvorplatz neu gestaltet hat, fanden dort seit Sommer 2001 archäologische Untersuchungen statt. Das Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalts gräbt dort auf fast 4000 Quadratmetern des ehemaligen Burgberges. Interessante Fundstücke weckten bereits großes Interesse bei Weißenfelsern und Besuchern. Zweierlei bleibt zu hoffen: Die attraktivsten Fundstellen werden gekonnt in die künftige Platzgestaltung einbezogen. Und: Da damit Weißenfels erstmals Zeugnisse aus der romanischen Epoche vorweisen kann, schlägt die touristische „Straße der Romanik“ keinen Bogen mehr um die Saalestadt...

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